Ein Weg vom Traumwandel ins Wache Dasein !

Glücklich,
wem jede Blume,
jedes Gras,
und jeder Stein
am Wegesrand
zur Freude wird.

Wach leben
frohen Herzens.
Gemeinsam,
gesund,
heil.

Ja, heilig
ist uns die Welt,
ist alles Sein

 

DA SEIN!

Wie wir werden können, die wir sind:

MENSCHEN

Willis verlag   Preis: 1,00 €

Liebe Mitmenschen!

Ich freue mich, dass Ihr da seid, hier und jetzt! Ja, um unser DASEIN soll es jetzt gehen, genauer um die Frage: wie ist erfülltes menschliches Dasein möglich? Alle mir bekannten Glaubensrichtungen und Weltanschauungen sowie deren Vertreter und Anhänger beanspruchen, die Antwort auf diese Frage zu kennen. Und in allen diesen Antworten steckt viel Wahrheit. Indem jedoch jeder seine Wahrheit verabsolutiert, wird sie zum Irrweg. Wer einen Führer oder eine Anleitung für den Weg in ein erfülltes Dasein sucht, den sehe ich schon auf einem Holzweg. Denn diesen Weg kann jeder nur in sich selbst finden, jedoch nicht allein, sondern nur, wenn wir uns gemeinschaftlich und in größtmöglicher Offenheit, Achtsamkeit, Gelassenheit und Demut auf die Suche machen. Dazu will mein Vortrag einladen.

Wie komme ich eigentlich zu der Behauptung, dass ich existiere? Ich denke, diese Behauptung hat mindestens zwei Voraussetzungen: Erstens die sinnliche Wahrnehmung. Durch meine im Gehirn zentrierte, in meinem gesamten Körper entfaltete physische Sinnesorganisation nehme ich sowohl diesen Körper selbst wahr wie auch alles, was sich der Wahrnehmung außerhalb des Körpers darbietet. Für die Behauptung, dass ich existiere, ist die sinnliche Wahrnehmung meiner selbst in der Welt die erste, unverzichtbare Voraussetzung.

Die zweite Voraussetzung ist die existenzielle Erfahrung meines Ich. Existenzielle Erfahrungen geben unserem Leben Orientierung, ohne sie wären sinnliche Erfahrungen sinnlos. Sie haben jedoch keinen sinnlich wahrnehmbaren Erfahrungsgegenstand, obwohl sie in der sinnlich wahrnehmbaren Welt stattfinden. Existenzielle Erfahrungen machen wir mit unserer ganzen Existenz beim Vollzug unseres Lebens, indem wir wahrnehmen, unter welchen Bedingungen dies Leben sich ereignet. Sie führen nicht zur Feststellung beweisbarer Tatsachen, weil sie keine äußeren Objekte wahrnehmen, sondern sie führen zu inneren Gewissheiten, die wir aus der Wahrnehmung unseres Daseinsvollzugs und dem Nachdenken darüber gewinnen.

Zum Beispiel unser „Ich“ ist kein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand. Natürlich lassen sich im Gehirn Regionen und Strukturen finden, auf deren physiologischer Basis unsere Ich-Funktionen stattfinden. Aber was dort sinnlich wahrnehmbar ist, das ist nicht das Ich, und durch seine Beschreibung allein lässt sich das Ich auch nicht verstehen. Jeder Mensch nimmt im Vollzug seines Lebens wahr, dass er ein Ich hat, doch keiner weiß, was dies Ich letztlich ist. Dies Ich erleben wir jedenfalls als eine zentrale Schaltstelle in unserem Inneren, wo alle Wahrnehmungen ankommen, alle Gedanken und Gefühle stattfinden, alle Entscheidungen getroffen werden. Die Behauptung, dass ich existiere, ebenso wie jede andere Behauptung, ist nur möglich, wenn ich „ich“ sage, wenn also zur sinnlichen Wahrnehmung meiner Existenz ihre existenzielle Erfahrung hinzugetreten ist.

Manche glauben, das Ich sei eine geistige Realität. Ich weiß weder, was Geist, noch was Materie ist. Und ich habe auch noch niemanden gefunden, der mir das wirklich hätte erklären können. Was Materie letztlich ist, das kann seit der Quantentheorie selbst die moderne Physik nicht sagen. Ohne größtmögliche Offenheit werden wir in diesen das Verständnis unseres Daseins zentral berührenden Fragen wohl kaum weiterkommen. Diese Offenheit vermisse ich jedoch ganz allgemein. Stattdessen hat heute fast jeder sein Weltbild, woran er ganz naiv glaubt. Insbesondere die meisten Naturwissenschaftler hängen dem unwissenschaftlichen Dogma an, real sei nur, was physisch wahrnehmbar ist. Diese wie jede andere Aussage wären damit jedoch irreal, denn Aussagen transportieren Vorstellungsinhalte, und diese sind nicht physisch wahrnehmbar, allenfalls kann es der Gegenstand sein, auf den sie sich beziehen.

Die Liebe ist wohl die unser Dasein am tiefsten berührende existenzielle Erfahrung. Jeder macht die Erfahrung der Liebe, wenn auch in unterschiedlicher Form und Intensität. Ohne diese Erfahrung ist kein Mensch lebensfähig. Vielleicht ist die Liebe zum Leben der innerste Kern der Liebe. Das bleibt ein Geheimnis unseres Daseins. Jedenfalls scheint ihr ein Streben oder eine Sehnsucht zugrunde zu liegen, sich mit der Außenwelt zu vereinigen, sei es mit einem anderen Menschen, sei es in der liebevollen Geborgenheit einer menschlichen Gemeinschaft, sei es mit der belebten, ja selbst der unbelebten Natur. Auch die Sexualität gehört zu den Erscheinungsformen der Liebe. Die Liebe ist wohl das größte, vielgestaltigste existenzielle Erfahrungsfeld und nur wer sich in tiefster Demut, in dem Bewusstsein tiefster Ahnungslosigkeit auf diesem Feld bewegt, hat Aussicht hier dazuzulernen. Das Bewusstsein, dass unser Leben nur in der Liebe Glück und Erfüllung finden kann, ist nahezu Allgemeingut. Die gesamte Dichtkunst handelt allein von Liebe und Tod. Was uns daran hindert, das ersehnte Glück in der Liebe zu finden, ist wohl vor allem, dass jeder zu wissen glaubt, was Liebe ist.

Auf dem Feld der Liebe sind wir alle Anfänger. Hier nur einige Grundgedanken: Im zwischenmenschlichen Bereich ist Liebe das Streben nach Einheit mit einem oder mehreren Mitmenschen, sei es nur geistig oder auch körperlich, so dass man fühlt, wie sie fühlen, und sich daher so verhält, wie es dem Besten des oder der Mitmenschen dient. Dies Streben ist immer unvollkommen. Es bedarf dauernder Vertiefung der gegenseitigen Wahrnehmung, der Selbstwahrnehmung, sowie der Suche nach neuen Wegen der Liebe. Liebe ist nur Liebe, wenn sie spontan von Herzen kommt. Sie ist nur in Freiheit möglich. Wer sich daher selbst zu einem liebevollen Verhalten drängt oder zwingt, wie es in traditionellen Religionen meist gefordert wird, der zerstört langfristig seine Liebesfähigkeit. Jede Liebe, die wir im Leben erfahren, stärkt unsere Liebesfähigkeit. Und wer sich auf den Weg macht, die Wahrnehmung seiner selbst und seiner Mitmenschen zu vertiefen, wer dabei meditativ danach strebt, den Wahrheitsgehalt der Aussagen über die Liebe zu erspüren, die wir untereinander machen, und die sich in religiösen, philosophischen und literarischen Traditionen finden, dessen Liebesfähigkeit wird wachsen. Er oder sie wird dann immer wieder Momente erleben, wo Liebe spontan von Herzen kommt. Diese spontane, gesellschaftlich meist unangepasste Liebe zu akzeptieren und damit sinnvoll umgehen zu lernen, das ist ein unendlich weiter Weg, auf dem wir individuell in der Regel hilflos sind. Deshalb verdrängen wir solche Liebesimpulse oft lieber. Wenn wir unsere existenziellen Erfahrungen in der Liebe nicht mehr individuell verdrängen, sondern gemeinschaftlich versuchen, sie für eine sinnvolle Lebenspraxis fruchtbar zu machen, so addieren sich diese Erfahrungen nicht allein, sondern sie potenzieren sich. So wird ein ganz allmähliches, von Innen kommendes, entspanntes und spontanes Wachstum der Liebesfähigkeit möglich. Ich sehe keinen anderen Weg zu unserer Menschwerdung. Jedes Liebesgebot ist dabei kontraproduktiv, denn eine Liebe, zu der wir aufgefordert werden müssen, kommt nicht von Herzen.

Eine weitere existenzielle Erfahrung ist die Angst. Innerster Kern jeder Angst ist die Angst vor dem Tod. Während wir uns in der Liebe mit der Außenwelt verbinden wollen, wollen wir uns in der Angst von ihr abgrenzen, uns schützen. Die Formen der Angst sind ebenso vielfältig wie die der Liebe. Aggression kann von Liebe wie von Angst getrieben sein, auch von beiden gleichzeitig. In Hass, Zerstörungswut, Mord, Totschlag und Krieg dominiert die Angst. Leben ist ohne Angst genauso wenig möglich, wie ohne Liebe. In einem erfüllten Leben existieren Liebe und Angst immer zusammen in einem ausgewogenen, also auf die Realitäten des Lebens abgestimmten Verhältnis. Nur irrationale Ängste, die auf mangelhafter Wahrnehmung der Wirklichkeit beruhen, sind schädlich. Solche Ängste hat jeder, denn niemand kennt die Wirklichkeit ausreichend. Glück und Erfüllung kommen jedoch niemals aus Angst, sondern allein aus der Liebe.

Liebe und Angst sehe ich als die letzten Triebfedern all unseres Handelns, sie allein bestimmen seine Ziele, nicht Verstand und Vernunft. Verstand und Vernunft helfen lediglich, diese Ziele zu erreichen, indem sie unser Handeln der Wirklichkeit anpassen.

Wenn wir die Erfahrung der Liebe vertiefen, gelangen wir zur existenziellen Erfahrung des Heiligen und der Demut. Ganz allgemein wird dies heute weitgehend verdrängt. Wer aber all das, was von Natur aus existiert, wirklich existenziell wahrnimmt, der fühlt sich allem Seienden in tiefer Liebe verbunden, er erlebt es als „heilig“, als ein großes, unbegreifliches Wunder, vor dem man sich nur demütig verneigen kann. Wem nichts heilig ist, der wird alles zerstören, auch sich selbst. Ich will hier besonders auf einen Aspekt der Demut hinaus: das Bewusstsein des Nicht-Verstehens, welches Sokrates in dem Satz zusammen-fasste: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, was keineswegs bedeutet: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Denn tatsächlich weiß jeder Mensch unglaublich viel. Aber jedes Wissen ist Stückwerk. Die letzte Natur alles Wahrnehmbaren und unserer Existenz insgesamt verstehen wir nicht und werden sie nie verstehen, auch wenn unser Begreifen endlos voranschreiten kann. Wer nicht von dem einfältigsten Menschen noch etwas lernen kann, behindert sich selbst und die Mitmenschen im geistigen Wachstum. Es gibt keine größere Dummheit als die, sich für klug zu halten. Doch fast jeder hält sich für klug. Ist das nicht weltfremde Traumtänzerei?

Ich habe hier nur skizzenhaft einige existenzielle Erfahrungsfelder umrissen. Diese Felder sind jedoch unendlich in ihrer Tiefe und Weite. Warum betone ich das hier? Weil ich denke, dass die Bedeutung dieser Erfahrungswelt in unserer Gesellschaft systematisch verkannt und verdrängt wird, um alle Aufmerksamkeit auf das sinnlich Wahrnehmbare zu richten. Mit vermeintlich wissenschaftlichen Argumenten wird die Existenz des Ich und der Liebe sogar bestritten: das seien nur Illusionen. In der Folge beklagt man dann die Sinnlosigkeit des Daseins.

In unserer „modernen“ Welt ist der Individualismus die meistverbreitete Lebensweise. Fast jeder glaubt, seines Glückes Schmied zu sein und sein Leben individuell, selbstständig und eigenverantwortlich gestalten zu können. Unser Leben wird so unvermeidlich zu einem Kampf aller gegen alle. Man nennt es auch den „american way of life“. Für diesen Lebensstil, dessen mächtigem Sog sich niemand ganz entziehen kann, kommt es in erster Linie darauf an, die sinnlich wahrnehmbaren Realitäten der Welt möglichst gut zu erfassen, um sich im allgemeinen Konkurrenzkampf das größte Stück vom Kuchen abzuschneiden. Vorausgesetzt ist die Überzeugung, sich selbst und die Welt ausreichend zu kennen, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Selbst in den gebildetsten Kreisen denkt fast jeder, sein Denken bilde die Wirklichkeit nahezu eins zu eins ab. Bewegen wir uns da nicht in einer wirklichkeitsfernen Traumwelt? Denn es bedarf doch lediglich eines Mindestmaßes an Selbstkritik und Wahrheitsliebe, um zu verstehen, dass wir die Welt keineswegs ausreichend kennen, um die Folgen unserer Handlungen überblicken zu können.

Zwar haben wir im Bereich der Naturwissenschaften schier unglaubliche Fortschritte gemacht. Da wir jedoch gleichzeitig die existenzielle Erfahrung systematisch vernachlässigen, sind wir im Endeffekt nicht in der Lage, mit dem wissenschaftlichen Fortschritt sinnvoll umzugehen, was unsere Existenz bedroht. Denn den Weg zu einem sinnvollen, erfüllten Leben finden wir nicht im Erkennen von Objekten unserer Sinne. Was unser innerstes Wesen als Menschen ausmacht, das würden wir da vergeblich suchen. Erst durch die Vertiefung unserer existenziellen Erfahrungen können wir zu verstehen lernen, wer wir wirklich sind, ein existenzielles Selbstverständnis gewinnen. Und dies Erfahrungsfeld ist so tief und weit, dass der Satz des Sokrates, „ich weiß, dass ich nicht weiß“, hier ein kategorial höheres Gewicht hat. Denn wo es keine Sinnesobjekte und damit keine Beweise gibt, da ist es ungleich schwerer, zu gültigen Ergebnissen zu kommen. Als wichtigste Hilfe auf diesem Weg sehe ich die Meditation. Besonders wo man danach trachtet, das Denken völlig sein zu lassen, um im Hier und Jetzt ganz in der Wahrnehmung seiner selbst und der Umwelt aufzugehen. Dadurch finde ich kein höheres Wissen, sondern ein höheres Nicht-Wissen. Ja ich vermute, die Erleuchtung, nach der der Meditierende strebt, besteht eben in diesem höheren Nicht-Wissen, worin sich unsere Existenz mit allem Sein in Liebe vereint. In diesem Ausnahme-Zustand gibt es kein Ich mehr. Je tiefer nun die Erfahrung meines Nicht-Wissens wird, desto mehr öffnet sich mir die Möglichkeit zur Vertiefung meiner existenziellen Erfahrung, was nicht nur innerhalb der Meditation, sondern jederzeit zu spontanen existenziellen Tiefblicken führen kann. Auf diesem Feld bin ich ein Anfänger. Doch schon als einem Anfänger scheint mir klar, dass in unserer Gesellhaft das Interesse an der Erhöhung des Lebensstandards sehr viel größer ist, als das an der Vertiefung existenzieller Erfahrung. Deshalb erscheint mir diese Gesellschaft als sterbenskrank.

Es sind die Religionen, die das Feld der existenziellen Erfahrung traditionell bestellen. Wenn wir nach einem existenziellen Selbstverständnis suchen, tun wir dasselbe, was die Religionen seit jeher machen. Wir suchen gewissenhafte Rück-Bindung, also Re-Ligion, an die tiefsten Wurzeln unserer Existenz. Meine existenzielle Religion, mein existenzielles Selbstverständnis, unterscheidet sich jedoch von allen traditionellen Religionen in mindestens drei Aspekten: Erstens verzichte ich auf eine mythologische Bildsprache und damit auf die Illusion eines vollständigen Verständnisses unseres Daseins. Zweitens beschränke ich meine existenzielle Suche und die Aussagen darüber auf meine reale Erfahrungswelt, verzichte also auf Aussagen darüber, was nach dem Tode kommt. Ich orientiere also mein Leben nicht auf ein Jenseits, weil ich vor dem Tod darüber keine Erfahrung habe. Drittens stelle ich keine Forderungen auf, wie wir uns verhalten sollten, insbesondere nicht, dass wir Liebe üben sollen. Sondern ich mache die Zusage, dass wir Liebe üben können, ja dass die Liebe aus unserem innersten Wesen zur Entfaltung drängt, wenn wir gemeinsam danach streben, achtsamer mit unserem Leben umzugehen. Aus meiner Sicht können wir nur so wirkliche Menschen werden, zu einem erfüllten Dasein kommen.

Besonders aus den drei hier genannten Gründen sehe ich alle traditionellen Religionen als unzeitgemäß an. Ihre Weisheit ist groß und tief, ja unverzichtbar, reicht aber nicht aus, um einen Ausweg aus der existenziellen Krise zu finden, in der ich die Menschheit sehe. Ja, durch ihren Absolutheitsanspruch verhindern sie weiteres geistiges Wachstum, schließen sogar Andersgläubige von der Liebe aus.

So wie ein Mensch die Liebe zu seinen Eltern und den Respekt vor ihnen nicht zu verlieren braucht, wenn er sich geistig über sie hinaus entwickelt, so habe ich eine tiefe Liebe zu den traditionellen Religionen und ihren Gläubigen bewahrt. Besonders zu ihrem lebendigen Kern, den Mystikern. In den Hütern der Tradition sehe ich eher Verwalter des Absterbens der Religionen. Vor allem aber betrachte ich die Gesamtheit der religiösen und philosophischen Menschheitsgeschichte als mein Erbe, auch die für mich dialektisch dazugehörigen antireligiösen und atheistischen Strömungen. All das ist ernst zu nehmen, wenn wir uns nicht verirren wollen. Denn in diesen Traditionen stecken existenzielle Erfahrungen aller Generationen unserer Verfahren, ein unerschöpflicher Brunnen der Weisheit. Damit wir daraus schöpfen können, muss ihre für uns irreführende mythologische Bildsprache freilich in unsere heutige Sprache übersetzt werden, was am besten gelingt, wenn wir die dahinter liegenden existenziellen Erfahrungen selbst machen, um sie dann in eigene Worte zu fassen.

Mit allen traditionellen Religionen sehe ich mich darin einig, dass unser Leben nur in der Liebe Erfüllung finden kann. Den Anspruch, aus höherer Offenbarung im Besitz der Fülle der Wahrheit und Weisheit zu sein, um autoritär von oben herab den Menschen den rechten Weg weisen zu können, halte ich jedoch für die tiefste Ursache dafür, dass die Menschheit auf dem Weg zur Liebe bisher nicht sehr weit vorangekommen ist, jedenfalls am Ziel gemessen. Freilich haben uns etwa der Buddhismus und das Christentum, an den Zuständen vor ihrer Zeit gemessen, ein Stück vorangebracht. Gegen alle religiöse Tradition behaupte ich, dass der Weg zu einem Leben in Liebe einfach und unkompliziert ist, dass er keineswegs notwendig mit Entbehrungen, Verzicht oder Selbstaufopferung verbunden ist, dass er vielmehr am besten in Freude, Freiheit und Wohlbefinden gangbar ist. Denn nicht Gebote von oben helfen uns weiter, sondern allein unsere innere Selbsterfahrung. Erste Voraussetzung dafür, diesen Weg zu finden, ist das Bewusstsein, ihn nicht zu kennen, das Bewusstsein tiefer Armut an den dazu nötigen existenziellen Erfahrungen. Wer dies Bewusstsein erreicht hat, der kann natürlich trotzdem einsam und allein einen Weg zur Liebe suchen. Jeder hat das Recht dazu. Freilich halte ich es nicht allein für klüger, sondern im Grunde auch für einzig angemessen, diesen Weg gemeinschaftlich zu suchen.

Nun einige Stichpunkte zu unserer gesellschaftlichen Situation. Ich sehe mich weit entfernt davon, diese zu verstehen. Die Einschätzungen freilich, die darüber in der Öffentlichkeit kursieren, scheinen mir oft auf Selbsttäuschung zu beruhen. Zunächst einige positive Aspekte: Wir leben in Deutschland in einem Staat mit der besten Verfassung, die hier je existierte. Nie hatten wir mehr Möglichkeiten zu demokratischer Mitwirkung, nie ein höheres demokratisches Bewusstsein. Seit 1945 haben wir hier, auch dank dem europäischen Einigungsprozess, die längste Friedenszeit seit Menschengedenken. Und das in einem Wohlstand, der noch vor 50 Jahren unvorstellbar war. Nie war der allgemeine Bildungsstand so hoch. Die Aufarbeitung der Naziverbrechen ist ebenso weitgehend vorbildlich, wie die friedliche Revolution in der DDR und die seit 2015 entstandene Willkommenskultur für Flüchtlinge. Diese Beispiele ließen sich erheblich vermehren. Sie sind keineswegs unerheblich, sondern von fundamentaler Bedeutung. Freilich haben andererseits einige Teile der Bevölkerung diesen geistigen Fortschritt nicht mitgemacht, sondern sind für faschistoide Denk- und Charakterstrukturen anfällig oder gar darin gefangen. Durch krisenhafte Entwicklungen des Kapitalismus wird dies verstärkt.

Trotz riesiger Fortschritte seit Ende des Krieges wächst jedoch seit etwa 50 Jahren die Angst, dass wir drauf und dran sein könnten, diese wunderbare Welt für Menschen unbewohnbar zu machen. Ich bin kein Prophet. Vorhersagen kann ich rein gar nichts. Nach allem aber, was ich beobachte, kann ich mir vorstellen, dass in 100 bis 200 Jahren, vielleicht schon viel früher, kein einziger Mensch mehr auf unserem Planeten lebt. Es sei denn, es tritt eine völlig neue Entwicklung ein. Das liegt allein an uns. Zwar sehe ich überall auf der Welt, wenn auch viel zu wenige Menschen in Aktion, die in die richtige Richtung streben. Doch scheint mir das alles weit davon entfernt, die nötige Qualität zu entwickeln. Mir scheint klar: Dauerhaft können wir als Menschen nur existieren, wenn wir aus all unseren sinnlichen und existenziellen Erfahrungen heraus unsere Menschlichkeit, also unsere Liebesfähigkeit, voll entwickeln, beginnend in kleinen, autonomen Gruppen, die einer letztlich global solidarischen Gesellschaft zustreben.

Einerseits dürfen wir nicht vergessen, dass die Fortschritte, die nach dem Krieg erreicht wurden, zu einem guten Teil dem Kapitalismus zu verdanken sind. Andererseits sehe ich freilich den Kern aller Probleme in demselben Kapitalismus begründet. Denn diese Wirtschaftsweise kann nur in dauerndem wirtschaftlichem Wachstum existieren, weil sie von einer Sucht nach Steigerung des persönlichen Reichtums angetrieben wird, die spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts irrational und krankhaft gewordenen ist. Diese Sucht aber findet nur ausreichend Nahrung bei permanentem wirtschaftlichem Wachstum. Solange dies Wachstum oberstes Ziel bleibt, kann der Umweltschutz nur hinterherhinken. An dieser Sucht leidet keineswegs nur eine kleine Gruppe führender Kapitalisten, auch wenn sie dort am deutlichsten, ja oft absurd zutage tritt. Sondern an dieser Sucht leidet die übergroße Mehrheit der Menschen im Kapitalismus. Nur solange dies so bleibt, kann er existieren. Der Kapitalismus existiert also in erster Linie in uns, und zwar so lange, wie die Verbesserung unseres „Lebensstandards“ das treibende Motiv unseres Handelns bleibt. Erst in zweiter Linie ist er ein gesellschaftliches System, was unabhängig und außerhalb von uns existiert. Es ist leicht zu verstehen, dass eine solche Lebensweise uns weder glücklich machen noch auch unsere Existenz sichern kann. Einen Weg aus diesem komplexen Suchtverhalten heraus zu finden ist nicht individuell, sondern nur gemeinschaftlich möglich. Und es kann nur in einem langsamen Prozess Schritt für Schritt gelingen. Den Kapitalismus einfach abzuschaffen würde in eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe führen.

In Deutschland haben wir zwar die demokratischste Verfassung, die hier je existierte. Deshalb haben wir jedoch noch lange keine wirkliche Demokratie. Und wenn wir unsere Demokratie nicht weiter ausbauen, wird die Dynamik des Kapitalismus sie zerstören. Demokratie heißt Herrschaft des Volkes. Das Wahlrecht verschafft dem Volk tatsächlich einen gewissen Einfluss, weit größer ist jedoch der Einfluss des großen Geldes und der wirtschaftlichen Interessen. Dies zunächst, weil jede Regierung bei Strafe einer allgemeinen Katastrophe für das Funktionieren des Kapitalismus sorgen muss. Dann aber auch deshalb, weil die Kreise, in denen sich die wirtschaftliche Macht ballt, auch den größten Einfluss auf die Entwicklung der sogenannten öffentlichen Meinung haben. Vor allem trägt es zur Vernebelung des Bewusstseins bei, dass die meisten Karrieren versperrt sind, sobald man klar und entschieden gegen den Kapitalismus auftritt. Wer glaubt, nur im Kampf aller gegen alle um die Aufteilung des Kuchens existieren zu können, wird den ideologischen Einflüsterungen der Herrschenden normalerweise erliegen. Selbst die allgemein verbreitete Überzeugung, unsere Verfassung sei bereits demokratisch und garantiere unsere Menschenrechte, ist Ausdruck kapitalistischer Ideologie. Denn zwar sind Sklaverei und Leibeigenschaft verboten, nicht jedoch die Lohnarbeit. Lohnarbeit ist der Kern des Kapitalismus, die Quelle seiner Wertschöpfung. Sie verletzt unser natürliches Menschenrecht. Jeder Mensch hat ein unveräußerliches Recht an seiner Person und seiner damit gegebenen Arbeitskraft sowie deren Produkten. Lohnarbeit, also das Recht, einem Menschen seine Arbeitskraft abzukaufen, verletzt dieses Menschenrecht fundamental. Wer im Wirtschaftsleben nicht sein eigner Herr ist, der kann es auch politisch nicht sein. Damit also Demokratie wirklich ihren Namen verdient, muss Lohnarbeit verboten sein. Die gesellschaftlichen Verhältnisse lassen sich jedoch durch ein Verbot der Lohnarbeit allein nicht ändern. Zuerst müssen sich vielmehr die Menschen ändern. Wer an Lohnarbeit gewohnt ist, der ist es nicht gewohnt, seinen Arbeitsprozess zu kontrollieren und anzuleiten. Die dazu nötigen Fähigkeiten, entwickeln sich nur in einem mittelfristigen Prozess. Und nicht nur die persönlichen Fähigkeiten, sondern auch die gesellschaftlichen Formen, in denen sie sich betätigen können, müssen erst noch entwickelt werden. Eine solche Umwälzung ist nur in einer langsamen Evolution möglich. Eine Revolution ist kein geeignetes Mittel dazu, sondern ein katastrophaler sozialer Betriebsunfall. Langfristig wirkt nur liebevoll-geduldige Bewusstseins-Arbeit, zuerst an sich selbst, schließlich auch den Kapitalisten gegenüber. Die Kapitalisten sind genauso wenig die Bösen, wie irgendwelche Anderen die Guten sind. Wir sind alle unvollkommen und widersprüchlich. Um unsere Entwicklung voranzutreiben macht die breiteste Palette friedlicher Aktionen Sinn. Ein zentrales Element wird die Ausweitung und Vertiefung der betrieblichen Mitbestimmung sein. Jede Anwendung von Gewalt diskreditiert uns und schadet enorm, auch wenn Kapitalisten seit je her weltweit zur Sicherung ihrer Macht jede Gewalt anwenden. Um uns zur Demokratie zu befähigen, müssen wir zuerst und vor allem an uns selbst arbeiten. Und das geschieht zunächst am effektivsten in kleinen Gemeinschaften. Selbst wenn nur ein Prozent der Menschen sich ihrer Situation im Kapitalismus wirklich bewusst wird, wird eine politische Bewegung entstehen, die langsam, friedlich und Schritt für Schritt, durch spontane Nutzung sich bietender Gelegenheiten, eine ganz neue Gesellschaft entstehen lässt. Bewusstes Dasein ist der zentrale Schlüssel zu einer neuen Welt. Erst danach greifen politische Reformen. Der Kapitalismus aber leidet an inneren Widersprüchen, die ihn jederzeit ins Chaos stürzen können. In Wirklichkeit ist er mehr Schein als Sein, fast nur ein Potemkin’sches Dorf. Wer an seine Ideologie glaubt, erscheint mir als Traumtänzer.

Die Dynamik des mit dem Kapitalismus eng verbundenen militärisch-industriellen Komplexes kann uns darüber hinaus jederzeit ein schnelles Ende bereiten. Dass wir das als „Sicherheitspolitik“ hinnehmen, zeigt uns in schwindelerregender Traumtänzerei. Das etablierte, sogenannte „strategische Denken“ basiert wesentlich auf den technischen Möglichkeiten zur Massenvernichtung, angefangen von der schweren Artillerie. Es ist aus meiner Sicht nur der gefährlichste Ausdruck dafür, dass wir bis jetzt unfähig sind, mit dem wissenschaftlichen Fortschritt sinnvoll umzugehen.

Der Weg vom Kampf aller gegen alle in eine wirklich menschliche Gesellschaft ist ein Weg zu uns selbst, ein Weg zur Wahrnehmung dessen, wer wir wirklich sind, also auch zur Wahrnehmung der Gegebenheiten und Bedingungen, in denen wir existieren. Dieser Weg ist zugleich immer ein unendlicher, kommt also nie ans Ziel, und zugleich ein hier und jetzt überschaubar gegebener. Wer also wirklich auf diesem Weg ist, der ist am Ziel. Unsere Wirklichkeit als Ganze ist aber so unendlich komplex, vielschichtig, widersprüchlich und unübersichtlich, dass ein realistischer Weg zu einem wirklich menschlichen DASEIN aus meiner Sicht nur in Gemeinschaft mit anderen Menschen vorstellbar ist. Daher gibt es bereits tausende solcher Gemeinschaften. Ich will hier fünf Grundsätze nennen, die mir unverzichtbar scheinen, um ans Ziel kommen zu können.

Liebe: Allein ein Wachstum in der Fähigkeit zu spontan von Herzen kommender Liebe untereinander kann Glück und Erfüllung in unser Leben bringen.

Freiheit: Da Liebe nur in Freiheit und ohne Zwang möglich ist, darf niemand sich selbst oder andere zu etwas drängen oder zwingen oder sich dazu drängen oder zwingen lassen, was nicht spontan und frei von Herzen kommt. Selbst dann nicht, wenn bessere Einsicht es gebieten würde.

Demut: Liebe untereinander ist nur in Liebe zur Wahrheit möglich. Dies erfordert nicht nur ein Streben nach Wahrhaftigkeit, sondern damit zugleich nach tiefer Demut. Denn vor der Größe der Wirklichkeit als Ganzer sind wir alle so klein, dass es nicht nur töricht ist, von oben auf andere herabzublicken, sondern damit hindern wir uns vor allem gegenseitig am geistigen Wachstum. Demut bedeutet damit auch die Bereitschaft, alles zu hinterfragen, was man denkt und glaubt.

Genügsamkeit: Unsere Fähigkeit zur Liebe wächst in dem Maße, wie wir frohen Herzens auf alles verzichten, was wir nicht wirklich brauchen. Dieser Prozess muss in spontaner Freiheit aus unserem Inneren wachsen. Jeder Druck schadet.

Gemeinschaftlichkeit: Nur in Gemeinschaft mit Anderen kann unsere existenzielle Erfahrung sowie die Wahrnehmung der Welt, unserer selbst und der Mitmenschen optimal wachsen. Und nur in Gemeinschaft kann man neue Wege optimal erkunden und ausprobieren.

Diese fünf Grundsätze führen nicht nur Menschen zusammen, die die nötige Reife haben, sondern sie halten auch solche Menschen von der Gemeinschaft fern, denen diese Reife fehlt, so dass unnötige Konflikte vermieden werden. Solange diese Grundsätze anerkannt werden, darf nicht nur jeder denken und glauben, was er oder sie will, sondern die größte Vielfalt an Denk- und Glaubensrichtungen ist unbedingt wünschenswert. Denn darin spiegelt sich die Vielfalt und Widersprüchlichkeit unserer Wirklichkeit. Nur wenn wir in Demut und in größter Ruhe und Gelassenheit unsere vielfältigen und widersprüchlichen Denk- und Glaubensinhalte gemeinsam hinterfragen, – natürlich auch all das, was ich hier vortrage!, – nur dann wird es möglich werden, der Wahrheit näher zu kommen. Niemand also darf den Anderen von seinen philosophischen oder religiösen Überzeugungen abbringen, ihn von irgendwas überzeugen oder zu irgendwas bekehren wollen, sondern gemeinsam sollten wir danach streben herauszufinden, wo der hinter unserem Denken verborgene Wahrheitskern liegt. Sobald dieser gefunden ist, schwindet der Dissens. Ohne tiefe Demut und große, liebevolle Geduld und Gelassenheit werden wir da nicht weit kommen. Einen besseren Weg zu uns selbst kann ich mir nicht vorstellen. Einfach ist dieser Weg natürlich nicht, dazu ist das Ziel zu groß. Und wie immer sind die ersten Schritte die schwersten, Mit wachsender Erfahrung aber kommt Freude auf. Eine Gemeinschaft freilich, in der lediglich nach Wahrheit und spirituellem Wachstum gesucht würde, ginge an ihrer Einseitigkeit leicht zugrunde.

Daher stelle ich mir diese Gemeinschaft in etwa so vor: Zwei oder drei Menschen, die sich in den fünf genannten Grundsätzen einig sind, können eine Gruppe bilden, in der sie sich regelmäßig treffen. Die optimale Größe einer solchen Gruppe wäre mit etwa 12 Personen erreicht. Spätestens ab 16 Mitgliedern wäre an eine Teilung der Gruppe zu denken. Das Gemeinschaftsleben findet in erster Linie in regelmäßigen Treffen dieser Gruppen statt. Ablauf, Inhalt und die Zeitfolge dieser Treffen bestimmt jede Gruppe autonom. Ich kann mir vorstellen, dass es sinnvoll wäre, ein Treffen zunächst mit der Lesung eines kurzen poetischen Textes, dann mit gemeinsamem Singen und Musizieren einzuleiten. Notfalls können auch Tonkonserven helfen. Es könnte dann nochmal ein kurzer Text verlesen werden. Zur Vorbereitung des zentralen gemeinsamen Gesprächs sollte die Gruppe dann einige Minuten in Stille und Meditation verweilen. Das gemeinsame Gespräch kann eingeleitet werden durch einen vorbereiteten Vortrag oder Film, oder beispielsweise auch durch eine Runde, in der jeder, der will, berichtet, was für ihn in letzter Zeit wichtig war. Diese Gesprächsrunde bildet zwar den Mittelpunkt und Kern jedes Treffens, der Rahmen ist aber genauso wichtig, weil er eine Atmosphäre herstellen kann, in der die Gemeinsamkeit verstärkt und das Gespräch erst fruchtbar wird. Thematik, Ablauf und Termin des nächsten Treffens sollten noch vereinbart werden. Die Gesprächsrunde kann durch Verlesen eines Gedichtes oder Singen eines Liedes abgeschlossen werden. Danach könnte für alle, die wollen, Gelegenheit zum Tanzen sein. Schließlich sollte das Treffen mit einem gemeinsamen Essen beendet werden. Für weitere Aktivitäten sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Natürlich kann ein Treffen auch zur Vorbereitung öffentlicher Aktionen dienen. Man könnte diese Treffen als „Daseinsfeiern“ bezeichnen. Eine Gemeinschaft besteht aus mehreren solcher Gruppen. Die Gemeinschaft sollte im Jahresablauf immer wieder gemeinsame große Feste feiern, worin die genannten Elemente des Gruppenlebens in größerem Rahmen zum Tragen kommen könnten. Ich bin überzeugt, dass solche Gemeinschaften geeignet wären, eine innere Dynamik zu entfalten, worin die Teilnehmer so viel Freude, Lebenslust, Liebe, Geborgenheit und spirituelles Wachstum erleben, dass keiner mehr diese Gemeinschaft missen möchte. Wer aber die Gemeinschaft verlassen will, darf nicht diskriminiert werden, sondern seine Entscheidung ist zu respektieren. Sonst beschädigen wir unsere Freiheit.

Es bleibt mir noch, mich für Eure Aufmerksamkeit zu bedanken! Die Diskussion ist also nun eröffnet. Wer daran nicht teilnehmen will, dem wünsche ich von Herzen alles Gute!

Willi Lotze, Berlin-Lichterfelde-Süd, 17.05.2020

Nachtrag zu meiner Person

Am 14. Juli 1944 wurde ich in Marburg an der Lahn geboren. Bis zum 28. April 1968 habe ich dort gelebt, seitdem wohne ich in Berlin. Mein Vater Karl Lotze (1892-1972) hatte in Düsseldorf Malerei studiert und arbeitete als Kunstmaler, Jagdforscher und Zeichenlehrer am Gymnasium. Von ihm habe ich eine tiefe Naturverbundenheit. Meine Mutter, Anneliese Lotze, geborene Morgenstern (1915-1998), war Medizinisch-Technische-Assistentin und Malerin, sie arbeitete zuletzt als Lehrerin für Labor in einer Schule für Arzthelferinnen. Für die Grünen war sie 10 Jahre lang im Marburger Stadtparlament. Zum Einschlafen erzählte sie uns jeden Abend aus Grimms Märchen und spielte uns Chopin, Schubert, Schumann u.a. auf dem Klavier vor. Mit meinen drei jüngeren Geschwistern, mit denen ich bis heute in guter Verbindung stehe, hatte ich eine sehr glückliche, unbesorgte Kindheit. Ein Kraftquell bis heute.

Von Ostern 1951 bis März 1964 besuchte ich die Freie Waldorfschule in Marburg, die ich mit dem Abitur abschloss. Im Frühjahr 1958 ereignete sich etwas für mein ganzes Leben Bestimmendes. Als Kind hatte ich keinerlei Vorstellung davon, was „der Krieg“ gewesen ist, der in meinem 10. Lebensmonat zu Ende gegangen war. Gegen Ende meines 13. Lebensjahres fragte ich daher meine Mutter, was damals wirklich passiert ist. Als sie mir von dem ganzen Ausmaß der Verwüstung, von mehr als 50 Millionen Toten, von dem ganzen Grauen der Ereignisse erzählte, erschrak ich zutiefst. Ich sah augenblicklich, dass eine Gesellschaft, die derartiges veranstaltet, sterbenskrank ist. Und mir war klar, dass diese Krankheit, ebenso wie sie lange vor dem Krieg entstanden war, nach dem Krieg im Verborgenen weiter wuchert. An meinem 14. Geburtstag hatte ich daher den Plan, später mal ein Buch zu schreiben, worin ich darstellen wollte, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern wären, damit so etwas nicht mehr passieren kann. Und ich war überzeugt, dass ich dann auch Bundeskanzler werden würde, um diese Veränderungen durchzusetzen. Es dauerte jedoch kein halbes Jahr, bis ich begriff, dass ich als Bundeskanzler nichts Wesentliches verändern könnte, da ich von den gesellschaftlichen Kräften abhängig wäre, gegen deren Interessen sich solche Veränderungen richten müssten.

Als ich mit 14 Jahren in der Elisabethkirche in Marburg konfirmiert wurde, berührte mich dies innerlich kaum, ich folgte einfach der Tradition. An meinem 15. Geburtstag aber war ich überzeugt, dass das Elend der Menschheit daher rührt, dass sie vom christlichen Glauben abgefallen ist. Dies führte ich darauf zurück, dass die Kirchen nicht mehr in der Lage waren, diesen Glauben glaubhaft zu vertreten. Ich fasste daher nun den Plan, evangelische Theologie zu studieren, um Professor für Dogmatik zu werden. Ich wollte dann eine Glaubenslehre veröffentlichen, die bei den Menschen ankommt. Um diese in der Kirche durchzusetzen, wollte ich Bischof werden. Da meine Mutter Dostojewski in der Originalsprache lesen wollte, und da ich auch Tolstoi und die russischen Religionsphilosophen verstehen wollte, lernten wir von meinem 16. bis zum 19. Lebensjahr an der Volkshochschule zusammen Russisch. Unser Lehrer war ein in Moskau vor der Revolution aufgewachsener, baltendeutscher ehemaliger evangelischer Pfarrer, der sich als glühender Verehrer Dostojewski´s mit der evangelischen Kirche überworfen hatte. Von diesem Dr. Robert Nauck, der als Universalgelehrter auftrat, habe ich vom 15. bis zum 17. Lebensjahr sehr viel gelernt.

Wenn ich die kirchliche Lehre neu fassen wollte, so musste ich mich natürlich auch mit deren Feinden auseinandersetzen. So begann ich etwa, Freud, Nietzsche und Marx zu lesen. Das bestärkte einen untergründigen Glaubenszweifel in mir, mit dem ich im Sommersemester 1964 in Marburg das Theologiestudium begann. Dies führte schließlich dazu, dass ich mich mehr und mehr als Atheist wiederfand, bis ich nach dem Wintersemester 1969/70 in Berlin das Theologiestudium ohne Examen abbrach. Der Zweifel konnte deshalb leicht in mir wachsen, weil ich die zentrale kirchliche Lehre, Jesus sei Gott und Mensch zugleich, schon immer unglaubwürdig fand. Ja, diese Lehre schien mir zu überwinden, wenn die kirchliche Verkündigung wieder glaubhaft werden sollte. (Wie sehr diese Vermutung ins Schwarze traf, begann ich erst Jahrzehnte später zu begreifen.) Ich wechselte daher den Studienort und ging im April 68 nach Berlin, da ich die irre Hoffnung hatte, Helmut Gollwitzer, Dogmatiker an der FU, könne meinen Glauben retten. Das konnte er aber nicht, da ich ihn als Anhänger von Karl Barth theologisch als ebenso streng konservativ erlebte, wie er politisch extrem links war.

Mein Plan, die christliche Lehre neu zu fassen, war natürlich größenwahnsinnig, wodurch ein übersteigerter Leistungswille in mir wuchs. Gepaart mit einer durch meine „christliche“ Erziehung in Familie und Schule begünstigte Verdrängung meiner Sexualität führte dieser Leistungszwang spätestens im 19. Lebensjahr dazu, dass ich begann, an schweren, fast permanenten Kopfschmerzen und lebensgefährlichen Depressionen zu leiden. Erst nachdem ich das Theologiestudium abbrach, jedem Leistungszwang entsagte, und besonders, nachdem ich im Mai 1969 zum ersten Mal mit einer Frau schlief, woraufhin auch meine Sexualverklemmung entwich und ich meine Bisexualität annehmen konnte, nahmen meine Kopfschmerzen und Depressionen langsam ab. Seit meinem 29. Lebensjahr sind sie völlig verschwunden.

In der Hoffnung, so meinen Kopfschmerzen zu entkommen, was tatsächlich gelang, verpflichtete ich mich ab Mai 1966 für 2 Jahre als Soldat bei der Bundeswehr in Fritzlar und schlug zunächst erfolgreich die Reserveoffizierslaufbahn ein. Nach 10 Monaten hatte ich darüber genügend nachgedacht, um den Kriegsdienst zu verweigern. Meine ausführliche Begründung wurde sofort anerkannt. Darin lehnte ich zwar einen gerechten Krieg im Sinne Martin Luthers nicht ab. Jedoch erklärte ich, nicht in einer Armee dienen zu können, in der die Anwendung von Massenvernichtungsmitteln Kern der Strategie ist, was jeder ethischen Rechtfertigung spotte. (Nach damaliger Rechtslage war eine solche Begründung unzulässig. Meine Argumente, die für mich heute eher verstärkt gültig sind, hatten die Herren wohl ins Schwitzen gebracht. Vor allem wegen einer möglichen Verunsicherung der Truppe). In den Anstalten Hephata des Diakonischen Werkes in Treysa leistete ich dann noch 8 Monate Zivildienst bei geistig Behinderten.

In Berlin ging ich gleich voll in der 68er Bewegung auf, studierte von 1969 bis 1973 Karl Marx, vor allem DAS KAPITAL, und war von 1974 bis 1979 Mitglied der trotzkistischen GIM, Gruppe Internationale ,Marxisten. Etwa ab 1975 verstand ich mich in erster Linie als Berufsrevolutionär und betrieb mein Studium der Sozialpädagogik nur nebenbei. Dies Studium hatte ich nach Ausstieg aus der Theologie begonnen und schloss es 1980 mit einem Diplom ab. Die pseudoreligiöse Verehrung Trotzkis in der GIM ging mir von Anfang an auf die Nerven. Sie führte schließlich zum Bruch mit dem Trotzkismus. In den 10 Jahren, in denen ich mich als Atheist verstand, fand ich jedoch keine Version atheistischen Denkens, die mich überzeugt hätte. Mich störte, dass die Religion ausschließlich negativ betrachtet wurde. Ich wollte daher immer ein Buch schreiben, wo ich sie als unverzichtbares Menschheitserbe darstellen wollte. Die Liebe war für mich seit je nicht allein die zentrale Botschaft aller Religion, sondern auch die zentrale Triebkraft jeder humanen Politik. Die Idee der Menschenrechte war für mich historisch gesehen immer ein untergründig wirkender, von der Kirche ungewollter Ausfluss von Jesu Liebesgebot sowie der Botschaft, dass Gott die Menschen liebt.

Als ich dann im Rahmen meiner Diplomarbeit 1979 ein Zitat von Karl Marx wiederfand, wonach sein kategorischer Imperativ laute, dass alle Verhältnisse umzustürzen seien, worin der Mensch ein unterdrücktes, geknechtetes und verachtetes Wesen sei, wurde mir sofort klar: Dieser Satz ist das treibende Motiv von allem, was Marx je geschrieben oder politisch gewollt hat. Und sehr im Gegensatz zu der Behauptung Marxens, sein ganzes Denken sei Ausfluss wissenschaftlicher Forschung, wurde mir offensichtlich, dass dieser Kernsatz seines Denkens sich nicht wissenschaftlich beweisen lässt, sondern ebenso apodiktisch daherkommt wie die Gebote Jesu. Damit war der Atheismus für mich ebenso unglaubwürdig geworden wie der christliche Glaube. In diesem Glauben nahm ich nun die historische Quelle aller kategorischen Imperativer wahr. So beschloss ich, an diese Quelle herabzusteigen, soweit möglich wieder als Gläubiger in die Kirche zurückzukehren, um durch eigene existenzielle Erfahrung zu ergründen, was des Pudels Kern bei diesem Glauben ist. Seit 1981 war ich dann fast jeden Sonntag in der Kirche, war 12 Jahre im Gemeindekirchenrat, hielt jahrelang mehre Gottesdienste im Jahr. Mir wurde oft versichert, dass ein guter Pfarrer an mir verloren gegangen sei. Ich war jedoch immer sehr froh, dass mir der verloren ging. Denn anders hätte ich nicht die völlige innere Freiheit gehabt, die ich mein Leben lang brauchte, um heute diesen Vortrag halten zu können. (Leider gelang es mir nie, meine innere Freiheit mit einer finanziellen Sicherheit zu verbinden, wohl auch, weil mir die Freiheit ungleich wichtiger schien. Ich fühlte mich meist als einer, der von der Hand in den Mund lebt). Am 19.12.2005 trat ich dann endgültig aus der Kirche aus, da es mir undenkbar schien, sie im Sinne Jesu zu reformieren, sie also mit ihrem eigenen Anspruch in Einklang zu bringen. Erst fünf Jahre später wurde Jesus dann eine rein historische Gestalt für mich. Niemand aber hat für meinen Lebensweg größere Bedeutung gehabt als er, ja ich könnte grob vereinfacht sagen, Jesu innerstes Anliegen, die Liebe, ist auch das meine, allerdings sehe ich den Weg, den Jesus uns zeigte, an seinem Ziel vorbeigehen. Bis ich das alles in mir soweit geklärt hatte, dass ich fühlte, damit an die Öffentlichkeit gehen zu können, war das Jahr 2018 fast vorbei.

Am 30.05.1979 heiratete ich Agnes Montag, die zu diesem Zweck legal aus der DDR zu mir nach West-Berlin übergesiedelt war. Im April 2000 trennte ich mich von ihr, da ich zwei Monate zuvor eine junge Afrikanerin, Annabel Benedith, kennengelernt hatte, in die ich mich wahnsinnig verliebte. Leider vermochte ich es nicht, bei der Trennung von Agnes haarsträubende Missgriffe zu vermeiden. Mit Agnes habe ich zwei 1979 und 1983 geborene Söhne, Johannes und Benjamin, eine Quelle tiefer Freude für mich. Annabel heiratete ich am 07.04.2004. Seit 2010 leben wir in bester Freundschaft getrennt und sind inzwischen geschieden.

Von 1982 bis 1990 war ich Erzieher beim Bezirksamt Kreuzberg. Von 1993 bis 2005 arbeitete ich als freiberuflicher Betreuer für Erwachsene, früher „Vormund“ genannt. Dass ich beides von mir aus aufgab, hatte viele Ursachen. Es hatte aber auch damit zu tun, dass ich mich durch diese Arbeitsverhältnisse zu sehr eingeschränkt fühlte, nicht genügend Kraft fand, an dem Buch zu arbeiten, was mir in wechselnden Formen seit meinem 14. Lebensjahr vorschwebte, und worin ich immer einen Weg zur Vermenschlichung der menschlichen Verhältnisse aufzeigen wollte.

Vom 11.05.1970 bis 15.03.2020 war ich, meist nebenberuflich, als Taxifahrer in Berlin unterwegs. Als solcher habe ich mindestens 35-mal die Strecke des Erdumfangs zurückgelegt. Am 16.03.20 sah ich mich veranlasst, Grundversorgung zu beantragen und die Taxifahrerei endgültig aufzugeben.

In dem hier vorliegenden Vortrag sehe ich nun meine Gedanken zum ersten Mal in einer zur Veröffentlichung reifen Form formuliert, wenn auch nur als Konzentrat. Ich arbeite daran, den Vortrag zu einem Buch zu erweitern, um noch deutlicher zu machen, worum es mir geht. Ganz klar empfinde ich jedoch, dass meine geistige Kraft, meine Lebenserfahrung und auch meine Bildung bei Weitem nicht ausreichen, um das, was ich sagen will, in wünschenswert eindringlicher Klarheit zu formulieren. Da ist es mir auch kein Trost, dass ich niemanden kenne, der es wirklich besser könnte. Die umfassende Klarheit, die mir vorschwebt, ist wohl prinzipiell nicht von einem einzelnen Menschen erreichbar, sondern nur in einer Gemeinschaft. Inzwischen habe ich aber meine Grenzen soweit angenommen, zu wissen, dass jeder Tag mein letzter sein kann. Umso mehr freue ich mich über jeden Tag, an dem ich noch lebe und mich geistig weiterentwickeln kann. Als großes Geschenk empfinde ich jede Möglichkeit, über meine hier formulierten Gedanken ins Gespräch zu kommen.

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Diesen Vortrag halte ich gern überall, wo man ihn hören möchte.
Außerhalb von Berlin und Brandenburg müsste ich um Ausgleich meiner Fahrtkosten bitten.

Hier der Vortrag, zum runterladen…